video_label

Waiblinger Kreiszeitung vom vom 3.2.06

Vom Redaktionsmitglied Peter Schwarz

 

Fundis sind sie nur beim Datenschutz

 

Meinungsfreudig, aber unverbohrt: Martin Fresow und Stefan Kraft gründen die „grüne Jugend Rems-Murr"

 

Wenn sie argumentieren, klingt es nach gesundem Menschenverstand und wacher Alltagsbeobachtung, weniger nach ideologischer Betonhärte: Martin Fresow, 21, und Stefan Kraft, 19, wollen eine „Grüne Jugend Rems-Murr" gründen.

Die Grünen, das war mal ein endlos diskutierender und fleißig strickender, permanent schwer betroffener und jederzeit bis zur Selbstzerfleischung streitlustiger Haufen, zu dem Spontis und Ex-Maoisten, politisierte Christen und Esoteriker, Umweltschützer und Pazifisten sich zusammenfanden, nein, -rauften . . . Viel ist seither geschrieben worden über den Wandel der Partei, die, je nach Standpunkt, ihre Ideale an die Machtpolitik verraten hat oder in der Realität angekommen ist.

Aber wie sind die jungen Grünen? Bringen sie einen Hauch vom anarchisch säftelnden Gründergeist zurück - revolutionärer Überschwang ist doch das Vorrecht der Jugend? Oder sind sie noch realo-hafter als die alten Realos - Martin Fresow und Stefan Kraft sind schließlich in einer zunehmend ideologieskeptischen Zeit aufgewachsen, während viele der Alten sich nur unter Schmerzen von der weltverbesserischen Unbedingtheit ihrer Anfangstage verabschiedet haben? Sind die Jungen Visionäre oder Pragmatiker? Die Antwort: Sie sind beides, irgendwie.

Ganz auf Parteilinie sind Fresow und Kraft in der Umwelt-, sanft kritisch bei der Militärpolitik: Dass die „Groß-Grünen", wie Fresow freundlich ironisch sagt, das teure Raketenabwehrsystem MEADS „zähneknirschend durchgewunken" haben, hat ihn befremdet, das Nein zum Irak-Krieg fand Kraft „ganz super" - aber grundsätzlich könne man Militäreinsätze „nicht von vorneherein ausschließen".

Cannabis freigeben? „Nö", sagt Fresow. „Ganz verbieten und ganz legalisieren ist beides Schwachsinn." Er hätte lieber eine andere Drogenpolitik. Warum muss an jeder Ecke ein Zigarettenautomat hängen? Warum ist Alkohol so wahnsinnig leicht zugänglich und die Werbung dafür allgegenwärtig? Wie wäre es, wenn es stattdessen „Drogenfachgeschäfte" gäbe, eine Art Apotheken mit Zigaretten, Marihuana und Alkohol? Wer dort einkaufte, dem würde „bewusst, ich nehm jetzt ‘ne Droge".

Über die Art von Drogenaufklärung, die sie in der Schule erlebt haben, können die beiden bloß lachen. Da gab es keine Diskussionen, keine glaubwürdigen Reflexionen über die Rolle von Drogen in der Gesellschaft, keine ehrlichen Aufforderungen zum Selberdenken. Da gab’s durchschaubare „Schocktherapien", da gab’s den Film mit Raucherlungen und Raucherbeinen, da gab’s eine Polizeibroschüre „mit dem rosa Elefanten", den Bekiffte angeblich halluzinieren. „Da", sagt Kraft, „fühlt man sich als Jugendlicher nicht für voll genommen."

Die Hakenkreuz-Realsatire: Da hat jeder bloß gelacht

Dem wachen Blick der beiden erscheint manches, was Erwachsene so aushecken, als reinste Realsatire: Bei Kraft in der Schule, am Albertus-Magnus-Gymnasium in Sommerrain, wurde neulich ein Warnbrief der Staatsanwaltschaft Stuttgart vorgelesen: Es sei verboten, Aufnäher mit durchgestrichenem Hakenkreuz zu tragen. „Alle haben einfach nur darüber gelacht." Selbst im „Du bist Deutschland"-Werbespot kommt so ein Hakenkreuz vor.

Eines der wichtigsten Themen für die beiden sind die Bürgerrechte und der Datenschutz . . . Es gibt eine EU-Telekommunikations-Richtlinie, die auch in Deutschland Gesetz werden könnte - Provider sollen demnach künftig alle Informationen über Datenbewegungen sechs Monate lang speichern: Wohin ist jemand gesurft? Wem hat er Mails geschickt?

Befürworter der Regel behaupten, nur so könne man Rechtsradikalen oder Kinder-Pornografen das Handwerk legen. Fresows Antwort: Man muss die Anbieter verfolgen und ihre Seiten vom Netz nehmen. Aber man kann doch nicht alle Menschen einfach mal vorsorglich überwachen. Wenn man „die Tendenz zulässt", die Privatsphäre im Digital-Zeitalter nicht mehr so wichtig zu nehmen, dann „gibt es die Möglichkeit, da weiterzumachen", sagt Fresow. Und am Ende ist der Mensch „durchsichtig für den Staat und auch die Industrie".

Bloß komisch, dass derlei „Big Brother"-Perspektiven Orwellschen Ausmaßes bei den „Groß-Grünen" kaum mehr für Aufregung sorgen - bei denselben Leuten, die einst gegen die aus heutiger Sicht vergleichsweise rührend harmlose Volkszählung gekämpft haben. Vielleicht liegt es ja daran, dass sie nichts von Computern verstehen. So gesehen ist ein aufgeweckter Datenschutz-Fundi wie Fresow ein Segen für die Partei: Er studiert Informatik.

Info

Die Gründungsversammlung der grünen Jugend Rems-Murr ist am Donnerstag, 16. Februar, um 18 Uhr in der Waiblinger Villa Roller.

 

Hier muss natürlich schon eine kleine Anmerkung von uns Kreisgrünen erfolgen:

Wir lieben ja die süffige Schreibe der Waiblinger Kreiszeitung.

Dass "die Grünen von Computern nichts verstehen" ist natürlich genauso falsch, wie das unverwüstiche Ammenmärchen, nach dem alle Grünen  Birkenstocks tragen.

80 Prozent unserer Mitglieder im Landkreis werden per Email erreicht. Das müssten uns andere Parteien erst mal nachmachen. Über die namentliche Nennung unserer begeisternden Anzahl an qualifierten PC und Datenexperten müssen wir leider schweigen.  Denn hier gilt der Datenschutz!

expand_less