Klimaschutz und Sparen gehen Hand in Hand
BACKNANG. Wahlkampf? I wo, würde er wohl sagen. Palmer präsentiert sein Buch, dessen erste Auflage demnächst ausverkauft ist. Oder ist es knapp drei Wochen vor der Wahl doch – gewollt oder ungewollt – Wahlkampf, wenn ein prominenter Grüner ein etwa 80-köpfiges Publikum lockt? Sie alle wollen „den neuen Joschka“ sehen, wie Palmer von einigen Medien fast schon ehrfürchtig genannt wird. Ein paar Spitzen gegen die CDU, eine (durchaus amüsante und gelungene) Oettinger-Parodie, das gehört bei einem solchen Auftritt dazu. Ansonsten geht es dann doch eher um die Sache, um das Energiesparen, um die Reduzierung der Umweltbelastung, um die Rettung der Welt eben. Und nebenbei natürlich auch um den Verkauf des Buchs.
Boris Palmer hat Entertainerqualitäten. Zum Warm-up gibt es lockere Sprüche über seinen inzwischen durch mehrere Talkshows bekannt gewordenen, himmelschreiend hässlichen blauen Anzug. Damit ihn ja auch alle im Fritz-Schweizer-Saal des Bürgerhauses hören – und möglichst auch verstehen – stellt der 37-Jährige kurzerhand einen Stuhl auf einen Tisch und macht es sich dort bequem. Das ist unkonventionell und es kommt beim wohlgesonnenen Publikum bestens an. Der gebürtige Waiblinger erzählt Anekdoten über sein Leben ohne Kühlschrank und hat an Backnang vor allem eine frühe Erinnerung, nämlich die Entfernung seiner Weisheitszähne beim ortsbekannten Kieferchirurgen.
„Politik im Klimawandel – Das Tübinger Modell“ lautet der Untertitel des Buchs, das über die vielfältigen Bemühungen zu Energiesparen und Klimaschutz in der Universitätsstadt berichtet. Dass Palmer in einer gewaltigen Inszenierung den Dienst-Mercedes gegen ein Hybrid-Modell aus Japan getauscht hatte, ist in dem Backnanger Vortrag natürlich Thema. Stolz ist der grüne Dynamiker, der inzwischen einen Smart fährt, dass sein Toyota bei Stadtbesichtigungen in Tübingen eine ganze Zeit lang als eine Sehenswürdigkeit galt.
Der medial befeuerte Rummel um ein Auto ist das eine, das ernsthafte Bemühen um Klimaschutz und Energieeinsparung ist das andere. Und es ist dem sendungsbewussten Polittalent nicht abzusprechen, dass er es ernst meint mit einer neuen Umweltpolitik. Global denken, lokal handeln: In der 85000 Einwohner zählenden Kreisstadt am Neckar wird dieses häufig strapazierte Schlagwort tatsächlich vielfältig mit Leben gefüllt. Beispiel: Die Stadtwerke, deren Aufsichtsratsvorsitzender Palmer ist, tauschen bei den Bürgern kostenlos ungeregelte, stromfressende Heizungswärmepumpen aus und ersetzen sie durch moderne. Ein vergleichsweise geringer Aufwand, wie Palmer betont. Dem Kunden wird im Gegenzug vier Jahre lang ein Mehrverbrauch an Strom berechnet, der sich aber durch die neuen Pumpen in dieser Zeitspanne amortisieren soll. Leider, so bestätigt der junge Rathauschef eine entsprechende Erfahrung aus dem Publikum, seien viele Handwerksbetriebe überhaupt nicht auf dem aktuellen Stand der Technik und würden daher ihren Kunden falsche oder keine Ratschläge zum Klimaschutz geben. Ein großes Aufgabenfeld sieht er hier mithin für die Handwerkskammern, die ihre Mitgliedsbetriebe zu entsprechenden Fortbildungen animieren müssten.
Fazit der Buchvorstellung: Klimaschutz ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit. Privatleute und Kommunen, die nicht in Energiesparen investieren, sind eigentlich dumm. Klimaschutz und Geldsparen gehen Hand in Hand.
Die von dem grünen Cleverle nach seinem Amtsantritt im Januar 2007 initiierte Klimaschutzkampagne ist in Tübingen in kurzer Zeit zu einer echten Bürgerbewegung geworden. Politik, Wirtschaft, öffentliche Institutionen und die Bürger basteln auf breiter Front gemeinsam am Modell Tübingen. Ein Vorbild für andere Kommunen? Natürlich bietet eine offene, tolerante Universitätsstadt das geistige Klima, das intellektuelle Potenzial und nicht zuletzt die politischen Mehrheitsverhältnisse zur Umsetzung neuer und teilweis auch unkonventioneller Ideen. Dass die eine oder andere auch in Backnang machbar sein müsste, macht der Sohn des Remstalrebellen Helmut Palmer nach einem Blick an die Saaldecke deutlich. Brennen da doch ausschließlich wenig umweltfreundliche alte Glühbirnen und keine Energiesparlampen. In anderen öffentlichen Gebäuden in Backnang werde es kaum anders aussehen, vermutet der frühere Landtagsabgeordnete. Energiesparen müsse zur Chefsache gemacht werden, schreibt Palmer seinem nicht anwesenden Backnanger Amtskollegen ins Stammbuch.
Ob sich tatsächlich alle seine Ideen, Anregungen, Vorbilder in anderen Städten und Gemeinden umsetzen lassen? In Tübingen, sagt Palmer stolz, würden derzeit nicht weniger als acht Schulen energetisch saniert – mit Geld aus dem Konjunkturprogramm. Dass andere Kommunen diese Zuschüsse jetzt schon wieder für Sportstättenbau und anderes ausgeben, hält er für wenig zukunftsweisend. Der Palmer-Auftritt im Bürgerhaus: Wahlkampf? Ja, auch. Aber eben in erster Linie ein Kampf für eine emmissionsärmere Zukunft in einer zumindest halbwegs intakten Umwelt.









